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1 In der Natur soll der »Lockstoff
Zucker« das Gegessenwerden der Früchte fördern – schließlich sorgen die
Konsumenten für die Verbreitung der Pflanzensamen, die sie etwa über ihren
Stuhlgang im weiteren Umfeld verbreiten.
4 Diese konservative
Voreinstellung scheint auch bei vielen anderen Säugetieren eine wichtige Rolle
zu spielen. So wissen etwa Kammerjäger, wie schwer es ist, Ratten zu vergiften
– man muss ein möglichst geschmackloses Gift auf ein bereits bekanntes Nahrungsmittel
aufbringen.
5 ► Carruth 2004 und Sullivan 1994
12 Interessant dabei: Supertaster finden sich häufiger unter Frauen.
Und deren Empfindlichkeit für Bitterstoffe nimmt in der Schwangerschaft, vor
allem im ersten Drittel, stark zu – mit den Wechseljahren nimmt die gesteigerte
Empfindsamkeit dagegen wieder ab. Die
Natur scheint also gerade bei Frauen im gebärfähigen Alter für eine besonders
empfindliche Voreinstellung gegenüber möglicherweise giftigen – und damit
fruchtschädigenden – Nahrungsmitteln gesorgt zu haben (gute Übersicht bei: ► Duffy 2000)
16 Dass die Schwangerschaft
keine geeignete Zeit ist, um Diäten auszuprobieren, zeigt auch eine andere
Untersuchung, nach der Mütter, die am Anfang der Schwangerschaft eine Diät
beginnen, ein erhöhtes Risiko haben, ein Kind mit Spina bifida (»offene«
Wirbelsäule oder »offenes« Rückenmark) zu gebären. Durch die Diät wird nämlich
möglicherweise auch die Zufuhr von Vitaminen wie der für die Entwicklung des
Kindes wichtigen Folsäure reduziert (► Carmichael
2003).
17 Das hat den
US-amerikanischen Kinderärzteverband in ihren neuen Richtlinien zur
Säuglingsernährung zu einer eindeutigen Stellungnahme veranlasst: »Stillen
ermöglicht eine günstigere Geschmacksprogrammierung und kann möglicherweise
dazu beitragen, dass Säuglinge besser lernen, ihre Kalorienaufnahme selbst zu
regulieren.« (► AAP 2005). Neuere
Forschungsergebnisse unterstützen diese Aussage (► Forestell
2007).
21 ► Fox 2006 und Galloway 2006
23 ► Sanigorski 2007 und O´Connor 2006
27 ► Carruth 2004 und Carruth 2000
31 Evolutionsbiologen nennen
diesen Teil der Entwicklung, in dem sich Kinder auf zukünftige Rollen und Umwelten vorbereiten, auch »konditionale« – also
bedingungsabhängige – Anpassung.
32 Evolutionsbiologen nennen
diesen Teil der Entwicklung auch ontogenetische – also
entwicklungsgeschichtliche – Anpassung.
37 ► Small
1998, Seite 178 und Jelliffe 1978
52 Während
der deutsche Begriff »nach Bedarf« noch recht positiv klingt, wählten die
anglosächsischen Länder für das vom Säugling gesteuerte Trinken den Begriff »on
demand«, den man etwa mit »nach Wunsch« oder sogar »auf Befehl« übersetzen kann
– Begriffe also, bei denen eher negative Vorstellungen (wie etwa die der Mutter
als Dienerin) mitschwingen. Neuerdings wird deshalb in den USA versucht, den
Begriff durch das neutralere »on cue« (etwa: auf Signal) zu ersetzen.
55 ► Pridham 2001 und Saunders 1991
62 ► Dettwyler 1995 und Nelson 2000 und
Yovsi 2003
66 Da
wundert nicht, dass der Zeitpunkt des Abstillens bei den meisten Tierarten mit
der Reife der Kinder zu tun hat. Größere Kinder werden zu einem früheren
Zeitpunkt abgestillt als weniger entwickelte. Gorillas in Zoos, die ja üppig
versorgt werden und entsprechend rasch wachsende Kinder haben, stillen ihre
Kleinen oft nur halb so lang wie wild lebende Gorillas! (► Lee 1991) Diese Abhängigkeit der
Stilldauer vom kindlichen Entwicklungszustand wird beim Menschen nicht
beobachtet.
68 Wie
in Kapitel 3 besprochen reicht die »Milchleistung« der Mutter aus, um den
Nahrungsbedarf des Säuglings im ersten Lebenshalbjahr abzudecken. Kinderärzte
gehen davon aus, dass von einem echten Milchmangel erst gesprochen werden kann,
wenn ein Säugling unzureichend mit Nährstoffen versorgt wird und sich sein
Wachstum verlangsamt. Bei den allermeisten Fällen, in denen Mütter einen
Milchmangel vermuten, ist das aber nicht der Fall. Vielmehr liegen hinter den
meisten Fällen von Milchmangel keine Stillprobleme, sondern subjektive
Bedenken, ob Stillen auch wirklich die Bedürfnisse des Kindes (weiterhin)
befriedigt. Folgende Einflüsse können die »Epidemie« des Milchmangels teilweise
erklären:
-- Manche Frauen sind darüber besorgt, dass ihre Milch nach dem ersten Monat so
»bläulich« und dünn aussieht und dass ihre Brüste jetzt nicht mehr so »voll«
sind. Beides ist normal – Angebot und Nachfrage haben sich jetzt lediglich
besser eingependelt, und gerade die fettarme Vormilch (sie ist wegen des zu
Beginn des Stillens stärker ausgeprägten Let-down-Reflexes eher einmal zu
sehen) sieht im Gegensatz zur Nachmilch bläulich aus.
-- Auch dass Stillkinder im Vergleich zu »Flaschenkindern« häufiger trinken,
kann Mütter vermuten lassen, ihre Milch reiche nicht aus. Allerdings gehört die
häufigere Nahrungsaufnahme zum Kleingedruckten des Stillens (vgl.
Kapitel 2). Solange das Kind gedeiht, liegt kein Milchmangel vor.
-- Nicht selten interpretieren Frauen das Schreien im Rahmen von
Dreimonatskoliken als Hungergeschrei. Das ist verständlich – denn bei Koliken
schreien die Kinder nun einmal vorzugsweise nach dem Trinken oder suchen ganz
aufgebracht Trost an der Brust.
-- Dass Mütter so oft berichten, nicht genug Milch zu haben, könnte auch
mit der Art des Stillens zusammenhängen – bei den hierzulande üblichen langen
Intervallen nämlich ist die Vormilch sehr wässrig. Da aber nicht wenige Mütter
meinen, die Mahlzeit müsse innerhalb einer bestimmten Zeit abgeschlossen sein,
kann das schon bedeuten, dass diese Kinder ihr Fett nicht abkriegen und dann
auch häufiger schreien. Jedenfalls ist es auffällig, dass gerade die gut
ernährten westlichen Frauen über Milchmangel klagen. Zudem deuten manche Daten
darauf hin, dass »Milchmangel« ein urbanes Problem ist – auf dem Land stellen
sich Frauen diese Diagnose seltener aus.
74 Der Einfluss der
väterlichen Meinung ist verblüffend stark (► Arora
2000). Der Einfluss des Vaters auf die Stilldauer wird in vielen Kulturen
beobachtet und könnte durchaus auf einen evolutionär angelegten Konflikt
hinweisen: die Brust der Partnerin ist beim Menschen nun einmal sowohl
Nahrungsquelle für das Kind als auch Quelle des sexuellen Vergnügens (► Obermeyer 1997).
76 ► Simondon 2001 und Marquis 1997
79 ► Chen
1989 und Konner 1976
80 Der Evolutionsbiologe
Trivers hat sogar versucht, den Abstillkonflikt in Zahlen zu fassen: Hört eine
Mutter mit Stillen auf, um mit der gesparten Energie für ein neues
Geschwisterchen zu sorgen, dann sollte das abgestillte Kind in seinem eigenen
Interesse auf einen Abstilltermin pochen, an dem der Nutzen, den es durch das
Stillen gewinnt, bei etwa 50 Prozent der Kosten der Mutter liegt.
81 ► Niemeyer
1983 und Gore 1986
95 Nach einer Theorie des
australischen Evolutionsbiologen David Haig spielt dabei auch eine Rolle, ob in
einem Fetus die vom Vater stammenden oder die von der Mutter stammenden
»Wachstumsgene« aktiver sind (tatsächlich können in einem Organismus über den
Mechanismus des Imprinting
wahlweise Gene mütterlicher
oder väterlicher Herkunft an- oder abgeschaltet werden). Sind die vom Vater
vererbten Wachstumsgene aktiver, so scheint der Fetus rascher zu wachsen (► Haig 2002). Haig erklärt dies aus der
evolutionären Perspektive, nach der es eher im Interesse des Vaters ist, auf
eine möglichst komplette Ausnutzung der mütterlichen Ressourcen zu pochen, als
im Interesse der Mutter, die mit jeder Schwangerschaft ja ein weitaus höheres
Risiko eingeht und deshalb immer auch auf eine möglichst »ökonomische«
Schwangerschaft aus sein sollte.
96 ► Erel
1998 und McGuire 1996
98 ► Munn
1989 und Stoneman 1993
101 ► Belsky
1988 und Kanoy 2003
121 ► Savage 1998 und Fewtrell 2003
122 Zu
dieser Erklärung von Corruccini (► Corruccini
1984) gibt es auch eine konkurrierende Spekulation: Aus traditionellen
Gesellschaften ist bekannt, dass Babys, die eng bei ihrer Mutter schlafen und
nachts gestillt werden, seltener am Daumen lutschen (► Siegler
2006) – und Letzteres kann durchaus zu einer Fehlstellung der Kieferknochen
führen, wenn es andauernd und insbesondere bis über das Durchbrechen der
bleibenden Zähne hinaus praktiziert wird.
124 HA-Nahrungen
können zwar möglicherweise gegen die Neurodermitis im ersten Lebensjahr
vorbeugend wirken. Ob der Effekt darüber hinaus anhält, ist jedoch strittig.
Ein vorbeugender Effekt von HA-Nahrungen gegenüber andere allergische
Erkrankungen wie etwa Heuschnupfen oder Asthma kann nicht nachgewiesen werden (► AAP 2008).
125 ► Gesundheit&Kind newsletter
131 Jede
Zeit hatte ihre eigenen Einschlafstrategien. In den 1920er und 1930er Jahren
etwa galt für viele Kinderärzte als ausgemacht, dass Aufregung in den
Nachmittags- und Abendstunden ganz zu vermeiden sei – selbst die freudvolle
Erwartung des von der Arbeit heimkehrenden Vaters könne zu Schlafproblemen
führen. Der Vater solle deshalb seine Rückkehr lieber hinter die Bettzeit des
Kindes legen (► Jenni 2005a). Und
die führenden Pädiater des auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts
wie etwa Luther Emmett Holt wetterten gegen die Verwendung von Wiegen, die eine
»Gemeinheit« gegen das Kind seien, weil sie zu einer »Überstimulierung« führten
– und, noch schlimmer: weil selbst diese Ersatztechnik die Kinder angeblich zu
sehr von der Aufmerksamkeit durch Erwachsene abhängig mache (► Valsiner 2000)!
133 Wie
dieser Konflikt rationalisert wird, zeigen die Ausführungen der
Ratgeber-Autorin Anna Wahlgren (Das KinderBuch, deutsche Erstausgabe 2004): »Du
kannst natürlich auch mit einem Kind, das abends quengelig wird, umhergehen und
es auf dem Arm oder auf dem Schoß einschlafen lassen – oder dich hinsetzen und
das Kind dicht an deinem Körper schlafen lassen.« Aber (sie spricht von einem
drei Wochen alten Säugling!): »du läufst Gefahr, das kindliche Streben nach
einem eigenständigen Leben (...) zu behindern.«
134 Nicht
umsonst nennen Ethnologen die früheren bäuerlichen Kulturen auch »crib and
cradle«-Kulturen – also Krippen- und Wiegen-Kulturen. Eine umfassende
Beschreibung der sehr unterschiedlichen Schlafarrangements in traditionellen
Kulturen liefert etwa das Forscher-Ehepaar Whiting (► Whiting
1964)
136 Der
Verhaltensforscher und Kinderarzt Melvin Konner bemerkt dazu lapidar: »Wir
wenden heute eine ganze Menge Energie auf, um die natürliche Tendenz von Mutter
und Kind, in den Armen des anderen einzuschlafen, zu bekämpfen.« (► Konner 2003, Seite 312)
139 ► Gatts 1995 und Brackbill 1971
140 ► Pinilla 1993 und Renfrew 2000
141 Früher
wurde nicht selten ein dritter Weg gewählt: Die kleinen Schlafverweigerer
wurden »chemisch« ruhiggestellt, wie ein Zitat aus einem alten Elternratgeber
zeigt (► Kübler 1891): »Helfen
(...) die einzigen erlaubten Einschläferungsmittel, wie gelindes Wiegen oder
ein langsames Hin- und Herfahren des Korbwagens nicht, so nehme man dennoch
nicht Zuflucht zu den oft so verderblichen Mitteln, die ungeduldige Ammen oder
Kindermädchen nur zu gern anwenden, um unruhige Kinder zum Schlafen zu bringen.
Zu diesen Mitteln gehören: das heftige Schaukeln oder Wiegen, das Kitzeln an
verschiedenen Stellen des Leibes, das Waschen des Kopfes mit Branntwein oder
das Einflößen kleiner Gaben von diesem oder ähnlichen geistigen Getränken oder
einer mit Mohnköpfen abgekochten Milch, die Verabreichung von Schlafpulvern,
welche nicht selten Opiate oder andere betäubende, gehirnreizende Ingredienzien
enthalten.«
146 Interessanterweise
wurde in früheren Zeiten Durchschlafen selbst bei Erwachsenen als ungewöhnlich
empfunden (► Ekirch 2001). Vor
dem Industriezeitalter war die Überzeugung weit verbreitet, dass es einen
»ersten Schlaf« und einen »zweiten Schlaf« (oder Morgen-Schlaf) gebe,
unterbrochen durch eine Phase der Wachheit. Dieses wache Intervall galt als
besonders wertvoll, weil es der Erbauung und Meditation förderlich sei, und
christliche Ratgeber empfahlen dafür bestimmte Gebete. Ärzte rieten, beim
»fyrste slepe«, also dem ersten Schlaf, auf der rechten Seite zu liegen, und
danach auf die linke Seite zu wechseln, um eine bessere Verdauung und innere
Stille zu erreichen. Die neue Forschung zeigt (► Wehr
1993), dass in der Tat ein solches mehrphasiges Schlafverhalten normal ist,
zumindest in den langen Winternächten, wenn es über 14 Stunden dunkel ist.
147 ► Largo 2004, Seite 160 und Sievers
2002
157 ► Tuffnell 1996 und Thomas 2002
158 ► Ludington 1989 und Anderson 1995
159 Hierzu
liegt inzwischen eine Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen vor (► Ferber 2004, Field 2001, Scafidi 1990
und Phillips 1996). Wodurch genau diese Effekte vermittelt werden, ist jedoch
nicht genau bekannt – vieles spricht dafür, dass neben dem direkten Hautkontakt
auch die synchronisierende Wirkung des Schlafpartners eine Rolle spielt (vgl.
Kapitel 12). Auch das geringere Stressniveau, dem ein sich sicher
fühlendes Kind ausgesetzt ist, könnte eine Rolle spielen.
168 Dafür
spricht auch Folgendes: Je älter Kinder werden, umso häufiger findet man sie
nachts im Bett der Eltern. So schlafen fast die Hälfte der Kindergartenkinder
in der Schweiz öfter als ein Mal pro Woche bei ihren Eltern (► Jenni 2005b). Dieser hohe Anteil legt
den Verdacht nahe, dass das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kinder nicht
immer dem Wunsch der Eltern entspricht, sondern dass es sich womöglich um eine
»erzwungene« Notlösung handelt. Tatsächlich geben Eltern gerade bei Kindern
Schlafprobleme an, die erst nach dem ersten Lebensjahr im elterlichen Bett
landen. Kein Wunder, dass in diesen Fällen auch die Schlafqualität der Eltern
zu wünschen übrig lässt (► Lam
2003).
171 ► Scharf 2001a und Scharf 2001b
179 ► Fleming 2007 und Gornall 2008
187 Die
wohl beste Zusammenfassung von Studien zu diesem Thema findet sich bei Hrdy,
SB: Mothers and Others, Harvard University Press, 2009, S. 130 ff. Die
Literatur im einzelnen: ► van
IJzendoorn 1992, Oppenheim 1990, van IJzendoorn 1999
188 ► Chen 1989 und Bird-Davis 2005
193 Über
diese Ergebnisse wird sich manche Mutter wundern (► Sagi
1981 und Soltis 2004). Väter scheinen bei der Unterscheidung der Schreiursachen
noch schlechter abzuschneiden (► Greenberg
1974).
195 Die
Tatsache, dass gerade die Babys in asiatischen Länder außergewöhnlich wenig
weinen, könnte auch damit zusammenhängen, dass asiatische Babys möglicherweise
von ihrem angeborenen Temperament her besonders ausgeglichen sind (wir gehen
darauf in Kapitel 13 kurz ein).
204 ► Barr 1988 und Baildam 1995
206 Tatsächlich
zeigen die vielen mit »hypoallergenen« Säuglingsmilchnahrungen angestellten
Studien keine konsistente und nachhaltige Wirkung auf die Schreidauer. Auch die
angeblich kolikvermindernde Wirkung einer »hypoallergenen« Ernährung bei der
Mutter darf bezweifelt werden – die Studie, die diese Ernährung angeblich
unterstützt (► Hill 2005), hat
einige methodische Mängel.
207 ► Olafsdottir 2001 und Ernst 2009
208 Die
von manchen Autoren beobachtete »erhöhte Reaktivität« oder »verringerte
Selbstregulationsfähigkeit« bei Kolikkindern könnte durchaus Folge und nicht Ursache der Koliken sein.
210 Der
Schreigipfel in den frühen Abendstunden spricht dafür, dass Kolikkinder einfach
»mehr von dem tun, was Babys normalerweise tun«. Gegen die Theorie eines
»Kontinuums« spricht allerdings die Tatsache, dass gerade der elterliche
Umgangsstil, der einen deutlichen Einfluss auf das »normale« Schreien zeigt,
keinen Einfluss auf das Kolikschreien hat.
216 ► DeLoache 2000, Seite 107
219 ► Canivet 2008 und Shenassa 2004
220 ► Gerard 2002 und van Sleuwen 2006
226 ► Illingworth 1991, Seite 307
231 ► Illingworth 1991, Seite 307 und Civic 2000
232 ► Illingworth 1991, Seite 307
233 ► Caspi 1987 und Stevenson 2001
234 Auch
wenn sich der Beherrschungstrieb Endes des zweiten Lebensjahres mit aller Macht
manifestiert, so sind frühe Wurzeln schon in der Säuglingszeit zu erkennen.
Schon zwei Monate alte Babys reagieren positiver, wenn sie selbst etwa für das
Abspielen eines Musikstückes sorgen können, als wenn es ihnen vorgespielt wird
(► Lewis 1990).
237 Paul
R. Lawrence und Nitin Nohria, denen wir diese Erweiterung verdanken, tragen
auch der »materialistischen« Seite unserer Bedürfnisse Rechnung und benennen
auch das »Ansammeln von Objekten, durch die wir unseren Status erhöhen« als
universelles menschliches Bedürfnis (► Lawrence
2002). Und ein Blick in den Alltag bringt noch ein weiteres Bedürfnis auf die
Liste: das Bedürfnis »Objekte zu manipulieren« – jeder kennt es, der Kinder
beim Spielen im Sandkasten beobachtet oder der selbst einmal etwas gebaut,
gestaltet oder sonstwie »erschaffen« hat.
240 Wem
das »unnatürlich« erscheint, der mag bedenken, dass es durchaus in der
menschlichen Natur liegt, sich nicht mit den »natürlichen« Beschränkungen
zufriedenzugeben (wir gehen darauf in Kapitel 9 ausführlich ein).
242 ► Illingworth 1991, Seite 286
243 ► DeLoache 2000, Seite 86, 96
245 ► Ben Shaul 1962 und Blurton-Jones 1974
251 Woher
das rührt, ist nicht sicher zu sagen. Es könnte sein, dass der Darm des Kindes
an die längere Stillzeit angepasst ist, die in der menschlichen Frühgeschichte
die Norm war.
257 Das
erklärt auch, warum die Physik, die Anfang des 20. Jahrhunderts ungeheuer
populär (und durchaus mit der heutigen Stellung der Medizin beim Laienpublikum
vergleichbar) war, längst nur noch Experten zugänglich ist – die Physik hat
sich sozusagen in einem Quantensprung von den Möglichkeiten des Alltagsdenkens
entfernt.
260 Schon
50 Jahre vor Darwins Coming-out hatte sich ein anderer Naturforscher, der
Franzose Jean-Baptiste Lamarck an einer »evolutionären« Erklärung versucht. Um
mit den Änderungen der Natur Schritt zu halten, müssen nach seiner Theorie
Lebewesen ihre Organe unterschiedlich stark nutzen: Werden sie nur wenig
benötigt, bilden sie sich zurück, werden sie viel gebraucht, so wachsen sie.
Diese gebrauchsbedingten Änderungen werden nach Lamarcks Theorie an die
Nachkommenschaft weitergegeben. So meinte Lamarck, der lange Hals der Giraffen
habe sich deshalb entwickelt, weil sich die Tiere strecken mussten, um an die
feinen Triebe der Baumkronen heranzukommen. Der Theorie des französischen
Naturforschers war keine bleibende Rolle beschieden: Die angenommene Vererbung
erworbener Fertigkeiten ließ sich wissenschaftlich nicht nachweisen und war
auch nicht mit den Modellen der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
entwickelten klassischen Genetik vereinbar. In jüngster Zeit allerdings wurde
deutlich, dass erworbene Eigenschaften durchaus auch genetisch »fixiert« und
dadurch auch von Generation zu Generation weitergegeben werden können. Im
Rahmen dieser sogenannten epigenetischen Vererbung werden zwar nicht die Gene
selbst verändert. Dafür wird aber ihre »chemische Umhüllung« je nach
Milieubedingungen so beeinflusst, dass die Gene anders abgelesen werden. Diese
Veränderungen werden teilweise mitvererbt. So kann etwa die Farbe des Fells von
Ratten durch eine bestimmte Ernährung während der Empfängnis verändert werden –
die so veränderte Fellfarbe ist dann auch bei den nachfolgenden Generationen zu
beobachten. Natürlich bedeutet dies nicht, dass damit Lamarcks Erklärung der
Evolution richtig wäre: Der epigenetischen Vererbung ist nämlich ein klarer –
genetisch fixierter – Rahmen vorgegeben, und tatsächlich beruht die Evolution
zu einem weitaus überwiegenden Teil auf Änderungen der Gene selbst. Indem sie
eine neue, umweltabhängige Dimension in die Evolution einführt, trägt die
Epigenetik aber dazu bei, dass die Wirkungsweise der Evolution immer besser
verstanden werden kann.
261 Man
könnte die Evolution so verstehen: Weil sie ja darauf hinwirkt, dass Lebewesen
möglichst gut an die vorgefundene Umwelt angepasst sind, sollten alle Merkmale
in der Natur (oder gar auch unser menschliches Tun und Lassen) als Anpassungen
zu verstehen sein. Demnach wäre alles an uns so, wie es ist, weil das einmal
gut für unsere Fitness war.
Das stimmt nicht. Auch wenn unser äußeres Erscheinungsbild, unsere körperlichen
Funktionen und auch unser Verhalten von adaptiven Kräften mit geformt sind, ist
unsere Natur nicht nur ein auf das Überleben und die möglichst effektive
Fortpflanzung zugeschnittenes Werkzeug.
Denn während manche Merkmale tatsächlich entstanden sind, weil sie dem Träger
klar definierte Fitness-Vorteile verschafften, sind nicht wenige Merkmale
sogenannte Nebenprodukte – Merkmale also, die bei der Entwicklung anderer
Merkmale »nebenbei« entstehen: Wir haben einen Bauchnabel nicht weil das
irgendwie »gut« für uns wäre, der Bauchnabel ist vielmehr das Nebenprodukt
einer anderen adaptiven Lösung (der Nabelschnur). Ähnliches gilt für die
Brustwarzen des Mannes oder seine Glatze. Auch viele Krankheiten sind
Nebenprodukte der Evolution – sie kommen deshalb vor, weil die diesen
Krankheiten zugrunde liegenden genetischen Merkmale für deren Träger in den
meisten Fällen positive Auswirkungen haben – nur wenn die genetischen Merkmale
in bestimmten Kombinationen auftreten, entsteht eine Krankheit. Beispiele sind
die Sichelzellanämie, die Mukoviszidose oder die Hämochromatose.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Lebewesen manche Merkmale auch der
sexuellen Auswahl verdanken – viele Merkmale sind nicht deshalb da, weil sie
uns ein leichteres oder möglichst reibungsloses Leben verschaffen, sondern weil
wir damit mögliche Partner für uns einnehmen können: Die schönen langen Haare
der menschlichen Art sind sicher nicht entwickelt worden, um daraus Schlingen
für die Jagd zu fertigen, und dass die Brüste der Menschenfrau – entgegen denen
bei allen anderen Säugetieren – auch jenseits der Stillzeit »vorgehalten«
werden – auch diese Last verdankt die Frau nicht der natürlichen, sondern der
sexuellen Selektion.
Und gerade beim Menschen kommt noch ein entscheidender Einfluss dazu: die
Kultur. Sie ist es, die uns Menschen die Anpassung an die (inzwischen
größtenteils von uns selbst geschaffenen) Lebensbedingungen ermöglicht. Ein
riesiges Fettpolster an unserem Bauch ist keine Anpassung, sondern das Resultat
unserer kulturellen Leistung, unser Auskommen auch ohne Bewegung verdienen zu
können ... Und gerade unser Verhalten folgt zu einem erklecklichen Teil
keinen »Überlebenszielen«, sondern Traditionen, Moden oder Obsessionen.
Zudem muss berücksichtigt werden: Auch wenn sie entstanden sind, um Lebewesen
bei der Lösung von Lebensproblemen zu helfen, sind Adaptionen keineswegs immer
unproblematisch. Sie stellen keine »optimalen« Lösungen dar, sondern
Kompromisse – das ergibt sich aus dem Prinzip der Evolution: Sie sind »gut
genug«, aber nicht perfekt. Man denke nur an die Kreuzung der Luft- und
Atemwege, die schon manchen Erstickungstod ermöglicht hat ...
Adaptionen sind auch aus einem weiteren Grund nicht perfekt. Sie können nämlich
durch Manipulation unterlaufen werden – manche Mitspieler manipulieren
sozusagen das Adaptations-Selektions-Spiel, indem sie Signale zur Täuschung
nutzen. Ihre Adaption ist es, andere zu täuschen – der Kuckuck lässt grüßen.
262 Indirekte
Fitness wird manchmal auch – fälschlicherweise – mit »Verwandtenselektion« gleichgesetzt.
Indirekte Fitness erstreckt sich aber auch auf Nicht-Verwandte. Auch ein Vater,
der sich für die Mutter seiner Kinder opfert, kann seine indirekte Fitness
erhöhen.
264 Was
einen möglichst guten Partner ausmacht, ist dabei von Art zu Art
unterschiedlich. In jedem Fall hängt der »Wert« eines Partners von dessen
Fruchtbarkeit ab, bei vielen Arten spielt zudem die Pflegekompetenz – also die
für die Aufzucht des Nachwuchses erforderlichen Qualitäten – eine große Rolle
(dazu gehören teilweise auch »soziale« Merkmale wie etwa der Rang in der
Gruppe). Ja, die Kriterien können sich sogar von Jahr zu Jahr ändern: Die
Weibchen der Prärieammern etwa suchen sich ihre Männchen jedes Jahr nach
anderen Merkmalen aus – ist die Nahrung knapp, so fliegen sie auf größere
Schnäbel, in Jahren, in denen es viele Feinde wie etwa Erdhörchen gibt, ist
eher die Körpergröße gefragt, also Verteidigerqualitäten.
267 Tatsächlich
ist die Frage, wo genau die Evolution ihre Hebel ansetzt, bis heute
unbeantwortet. Auf welche »Einheit« wirkt die Selektion? Schauen wir uns im
Folgenden die Diskussion einmal genauer an und betrachten die Kandidaten im
Einzelnen.
Spielt sich die Konkurrenz um die knappen Ressourcen auf
der Ebene der Art ab? Das wurde noch bis in die 1950er Jahre hinein
geglaubt, ist aber offensichtlich falsch. Denn die Mitglieder einer Art
verschaffen sich Fitness-Vorteile sehr wohl auf Kosten anderer Mitglieder
derselben Art: Jedes Lebewesen konkurriert nun einmal zuallererst mit
demjenigen, das dieselben Nahrungsquellen nutzt und das sich um ein- und
denselben Partner bemüht.
Setzt die Evolution an der Gruppe an? Das muss
aus demselben Grund abgelehnt werden – auch Gruppenmitglieder konkurrieren
untereinander. Allerdings ist an der Idee der an der Gruppe ansetzenden
Selektion schon etwas dran. Denn manche Merkmale haben sich tatsächlich dadurch
evolutionär durchgesetzt, dass ganze Gruppen ein
bestimmtes Verhalten entwickelt haben – die Merkmale sind also in der
Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen entstanden. Pinguine zum Beispiel
könnten gar nicht in der Arktis mit ihren Temperaturen bis unter 60 Grad Minus
leben, hätten sie nicht irgendwann die »rotierende Spirale« erfunden, also die
Eigenart, sich eng aneinandergedrängt in einem Haufen aufzuhalten, wobei die
außen stehenden Tiere regelmäßig durch neue Tiere aus dem Haufeninneren
ausgewechselt werden. Dadurch hält sich der Wärmeverlust für jeden Einzelnen in
einem vertretbaren Rahmen und die Gruppe als Ganzes kann überleben. Allerdings:
Während für manche soziale Eigenschaften tatsächlich die Gruppenselektion als
Erklärung hilfreich ist, in den allermeisten Fällen setzt die Selektion nicht an der Gruppe an.
Also am Individuum? Das passt schon eher, wenn
man in Rechnung stellt, wie intensiv Individuen in allen Arten um Nahrung und
Partner konkurrieren. Aber ganz stimmen kann auch das nicht. Denn es sind immer
nur einzelne Merkmale bzw.
Verhaltensweisen, mit denen sich Individuen ihre Vorteile verschaffen und die
durch die Selektion verändert werden: Ein festerer Schnabel hilft, härtere
Nüsse zu knacken, ein prächtigeres Ornat einen Partner stärker zu beeindrucken,
die bessere Jagdstrategie die fettere Beute zu erlegen.
Das führte in den 1970er Jahren zu der Annahme, dass die Selektion letzten
Endes an einzelnen Genen ansetze – denn
damals war man davon überzeugt, dass bestimmte äußere Merkmale eins zu eins
durch einzelne Gene bestimmt würden. Nach dem britischen Evolutionsbiologen
Richard Dawkins, der diese Idee in den 1970er Jahren populär machte,
konkurrieren »egoistische« Gene mit anderen »egoistischen« Genen um ihr
Weiterleben. Gelingt es einem Tier etwa durch die Hilfe eines bestimmten
Merkmals, mehr Nachkommen zu hinterlassen, so erhöht sich der Anteil der Gene
in der Population, die für dieses Merkmal verantwortlich sind. Diese Gene
setzen sich also durch. Individuen sind für Dawkins deshalb nur ein
»kurzlebiger Verband langlebiger Gene« oder schlicht »Genfähren«. (► Dawkins 1976)
So befremdlich das Dawkinssche Modell für manchen klingen mag, es war ein
gedanklicher Fortschritt. So ist beispielsweise das Phänomen der indirekten
Fitness (das in Kapitel 9 vorgestellt wird) mit einer auf das ganze
Individuum oder auch auf einzelne Merkmale gerichteten Selektion nicht zu
verstehen.
Wirklich beantwortet hat aber auch Dawkins die Frage nach der
»Selektionseinheit« nicht. Denn zum einen setzt die Selektion immer am Phänotyp eines Individuums an – also
seinen (nach außen wirksamen) Merkmalen und Verhaltensweisen. Die aber sind nur
lose mit der genetischen Ausstattung verknüpft – gerade die Verhaltensweisen
bei sozialen Arten spiegeln in starkem (und je nach Randbedingungen
unterschiedlichem) Maße Umwelteinflüsse wider. Zudem hat sich gezeigt, dass das
alte Bild, nach dem jedes Gen eine bestimmte, immer gleiche Wirkung für die
körperlichen Abläufe hat, gar nicht stimmt. Identische Gene wirken vielmehr
unter unterschiedlichen Bedingungen sehr unterschiedlich. Ihre chemische Struktur
ist nur lose mit ihrer Funktion verknüpft: Gene sind keine »Perlen auf einer
Schnur«, auf der jedes Gen für sich selbst scheint und wirkt, sondern sie
funktionieren in – für Umwelteinflüsse offenen – Verbänden und Systemen. Manche
dieser Umwelteinflüsse wirken sogar stofflich auf die Gene zurück, indem sie
deren chemische Hülle permanent verändern (von diesen teilweise von Generation
zu Generation vererbbaren epigenetischen
Einflüssen war bereits in einer anderen Anmerkung zu diesem Kapitel die
Rede).
Zudem muss immer das Wirkprinzip der Evolution berücksichtigt werden. Durch die
Selektion werden nicht einzelne Merkmale
ausgelesen, sondern vielmehr deren Passung zur
Umwelt – damit kann ein bestimmtes Gen in der einen Umwelt ein Vorteil
sein, in einer anderen eine Behinderung.
Konkret heißt das: Auf welche »kleinste Einheit« die Selektion wirkt, lässt
sich so gar nicht sagen. Ganz sicher jedenfalls ist: Wenn bestimmte Merkmale
»ausgelesen« werden, so werden damit nicht bestimmte Gene ausgelesen, sondern allenfalls
bestimmte Geneffekte – die aber hängen
nicht direkt mit dem Gen selbst zusammen, sondern schließen Umwelteinflüsse mit
ein. Die Selektion setzt damit nicht an einer bestimmten Struktur an, sondern
an einer virtuellen Einheit. Und diese
enthält nicht nur genetische Information, sondern auch Informationen aus der
Umwelt, Gen-Umwelt-Interaktionen und Gen-Gen-Interaktionen (bzw. »Passungen«).
Gerade beim Menschen kommt ein weiteres dazu: die kulturelle Selektion nämlich.
Die »Merkmale« eines Menschen, mit denen er in seiner Umwelt zurechtkommt,
spiegeln nun einmal nicht nur genetische oder auch epigenetische Einflüsse
wider, sondern sie sind in erster Linie das Produkt kultureller Einflüsse – und
werden damit auf nicht-biologischem Weg
»vererbt«. Die virtuelle Einheit, an der die Selektion beim Menschen ansetzt,
enthält also nicht nur konkret-biologische, sondern auch symbolische
Information. Und das bringt – natürlich – weitere Wechselwirkungen und
Kontingenzen in das Modell ein. Diese machen es noch schwerer zu bestimmen,
über welchen Hebel und auf welche Einheit der Selektionsdruck beim Menschen im
Einzelfall genau wirkt.
269 Ausnahmen
sind natürlich die Haustiere, bei denen durch Züchtung innerhalb weniger
Generationen starke Veränderungen erzielt wurden.
272 Dieses
Phänomen ist auch für Volksgruppen bekannt, die erst in den letzten
Generationen sesshaft wurden, die also vom Jäger- und Sammlerleben ohne
landwirtschaftliche »Zwischenstufe« in die bewegungsarme und kohlenhydratreiche
Moderne eingetaucht sind (dies gilt für die nordamerikanischen Indianer genauso
wie für die australischen Aboriginees, aber auch für die meisten Asiaten, die
unter den modernen Lebensbedingungen ein extrem hohes Diabetesrisiko haben).
Wie gut die genetischen Anlagen auf das lokal vorhandene Nahrungsangebot
zugeschnitten sind, zeigen auch andere Befunde. So unterscheidet sich etwa der
Speichel in seinem Gehalt an Amylase (einem stärkeabbauenden Enzym) von Region
zu Region – und zwar je nach Stärkegehalt der dort vorherrschenden Nahrung (► Perry 2007).
275 Das
heißt nicht, dass die Welt beliebig anders
aussähe – die Evolution »konvergiert« nun einmal auf grundlegende Prinzipien.
So wurde etwa das Linsenauge im Lauf der Evolution – völlig unabhängig
voneinander – mehrmals »erfunden«.
284 Der
bis heute einflussreiche Arzt und Psychoanalytiker John Bowlby, dem wir in
Kapitel 10 begegnen werden, nennt die Lebensbedingungen, an die der Mensch
sich im Laufe seiner Geschichte angepasst hat, das »environment of the
evolutionary adaptedness« (etwa: die Umwelt der evolutinären Angepasstheit).
Die von ihm stark beeinflusste Bindungstheorie geht davon aus, dass Kinder eben
diese Umwelt »erwarten« und auf abweichende frühkindliche Lebensbedingungen mit
Bindungsstörungen reagieren.
286 ► Eaton 1985 und McMichael 2001
287 ► Gurven 2007 und Kaplan 2003
290 Manche
vermuten sogar, der Mensch unterläge gar nicht mehr den Kräften der Evolution –
er entwickle sich als Art nicht mehr evolutionär fort. Schließlich sorge der
Mensch durch seine Kultur, insbesondere durch medizinische und soziale
Fortschritte dafür, dass die Natur nicht mehr durchgreifen könne.
Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Evolution beim Menschen heute anders
verläuft als noch vor wenigen Hundert Jahren, und auch anders als bei den
anderen Arten.
Zum einen: Die Sterblichkeit, insbesondere die Säuglings- und
Kindersterblichkeit ist insgesamt stark zurückgegangen. Und wer überlebt hat nur noch wenig damit zu tun, wie
»angepasst« der Betroffene ist. Damit ist die natürliche Selektion, also die
Auslese nach einer möglichst guten Passung zwischen Individuum und Umwelt,
zumindest in den hoch entwickelten menschlichen Populationen nur noch schwach
wirksam.
Und auch wer sich fortpflanzt und in welchem Maße hängt zumindest in den
Industrienationen nicht mehr unbedingt damit zusammen, wie gut ein Mensch die
Ressourcen seiner Umwelt nutzen kann, d.h. wie »angepasst« im Darwinschen Sinn
er ist. Ja, der Mensch steuert inzwischen durch Empfängnisverhütung und die
neuen medizinischen Fertilitätstechniken seinen Fortpflanzungserfolg zu einem
großen Teil selbst – und dabei spielen Anpassungsvorteile im evolutionären Sinn
kaum eine Rolle.
Andererseits wirken wichtige Selektionskräfte auch heute noch, insbesondere die
vorgeburtliche Selektion (die sich etwa als »Wettlauf der Spermien« und auch
als Selektion von Gameten durch Fehlgeburten äußern kann), und auch die
sexuelle Selektion macht sich weiter bemerkbar: Manche Menschen haben einen leichteren
Zugang zu Partnern als andere und haben damit mehr – wenn auch in sehr
unterschiedlichem Maße genutzte – Möglichkeiten, Nachkommen zu hinterlassen.
Unter dem Strich findet Evolution also weiter statt, das heißt, es ändert sich
auch weiterhin die Häufigkeit bestimmter Merkmale und ihrer Gene in der
Bevölkerung – die genetische Entwicklung ist also auch beim Menschen keineswegs
zum Stillstand gekommen (► Reed
2006). Allerdings hat sich die Richtung der Evolution durchaus geändert – sie
verläuft nicht mehr unbedingt hin zu einer immer besseren Anpassung an die
Umwelt. Dafür spielen kulturelle bzw. soziale Faktoren bei der Fortpflanzung
eine größere Rolle (wer entscheidet sich für Kinder, wer nicht? Wer hat Zugang
zu reproduktiver Unterstützung, und wer nicht? Wer wandert aus, wer wandert
ein?).
Evolution ist damit weiterhin eine Tatsache, aber sie ist beim Menschen stärker
von kulturellen Faktoren und damit nicht mehr unbedingt vom Primat der
möglichst weitgehenden Anpassung an die Umwelt bestimmt. Damit sind zwei Dinge
klar.
Zum Ersten: Der Mensch hat über seine kulturellen Fähigkeiten das Wirken der
Evolution modifiziert. (Bei den Nutzpflanzen und Nutztieren hat er sie sogar
durch seine nicht an Fitness, sondern an Ertragskriterien ausgerichteten
Zuchtbemühungen weitgehend ausgehebelt).
Zum Zweiten: Was die evolutionäre Entwicklung des Menschen betrifft, so ist der
Fortpflanzungserfolg von der »Hardware« (also den Passungsvorteilen) teilweise
auf die kulturelle »Software« übergegangen – die stärkste Triebkraft der
Evolution ist heute die kulturelle Anpassung, und die hat mit Fitness im
klassischen Sinn (also dem mit einer möglichst guten Anpassung verbundenen
Fortpflanzungserfolg) nichts mehr zu tun: Die ideale Form der kulturellen
Anpassung kann beim Mensch die Kinderlosigkeit, also der völlige Verzicht auf
Fitness im klassischen Sinn sein.
Viele »biologische« Merkmale werden damit beim Menschen nicht mehr auf
»natürliche« Art verändert: Die Einführung von Brillen und Kontaktlinsen wird
beim Menschen nicht zu einer allmählichen
Verschlechterung der Sehkraft führen. (Ginge es nach den Prinzipien der
natürlichen Selektion allein, so könnte das erwartet werden: Wenn die
Sehtüchtigsten keine Vorteile gegenüber den Sehbehinderten mehr haben, so
werden die entsprechenden Anlagen für Scharfsichtigkeit nicht mehr
»ausgelesen«.)
Die von der natürlichen Selektion angetriebene Evolution ist also zumindest zum
Teil sozusagen »ausgehebelt« – womöglich, und hoffentlich, zugunsten einer
»menschlicheren« Welt.
297 Die
Bindung klappt allerdings nur zuverlässig, solange das Mutterschaf nur zwei
Schäfchen zur Welt bringt. Ein drittes Schäfchen wird in der Regel nicht
angenommen. Die Bindung der Mutter an das Lämmchen läuft dabei über den Geruch
– das Mutterschaf erkennt den Geruch ihres Fruchtwassers an ihrem Lamm. Schäfer
machen sich das zunutze – sie können »überzählige« Schafe bei einer fremden
Mutter mit nur einem Lämmchen unterbringen, indem sie das unterzuschiebende
Schaf mit dem Fruchtwasser der »Adoptivmutter« einreiben.
299 ► Grossmann 2006a, Seite 22
301 ► Grossmann 2006a, Seite 14 und S._268
303 Hormonelle
Veränderungen lassen sich bei Nagern auch schon dadurch auslösen, dass man sie
immer wieder mit Neugeborenen zusammenbringt. Auf diese Weise lassen sich sogar
Mäuseväter dazu bringen, die kleinen Mäuschen abzuschlecken, in ein Nest zu
tragen und sich schützend über sie zu kauern.
304 Auch
wenn es dazu keine Statistik gibt, so ist anzunehmen, dass adoptierte Kinder
heute und hierzulande nicht weniger Liebe und Zuwendung bekommen als
biologische Kinder. Dies spricht natürlich nicht grundsätzlich gegen eine
unterstützende Wirkung der »Hormone«. Denn Adoptionen sind letzten Endes ja
immer auch Auswahlprozesse, bei denen Menschen mit sehr hoher Motivation zur
Elternschaft und mit überdurchschnittlichen sozialen Ressourcen ausgewählt
werden.
305 ► Anisfeld 1990 und Feldmann 2003
309 ► Grossmann 2006a, Seite 25
317 Die
Forschung nennt folgende Einflussfaktoren, die der Feinfühligkeit zugrunde
liegen: die Qualität der Beziehung der Mutter zum Vater, die Unterstützung der
Mutter durch andere, ihre psychische Verfassung sowie die Hoffnung, die sie in
das Kind gesetzt hat (► Maccoby
1983).
319 ► Grossmann 2006a, Seite 15
320 Kleine
Kinder sind in dieser Hinsicht Erwachsenen überraschend ähnlich, die sich in
Beziehungen auch nur positiv entfalten können, wenn sie sowohl Bindung
(»Bezogenheit«) als auch Eigenständigkeit (Autonomie) erfahren können.
321 Aussagen
über die genaue Rolle des Vaters für die langfristige Bindungssicherheit des
Kindes sind auch aus einem anderen Grund gar nicht so leicht zu treffen. Denn
allein schon die verlässliche Anwesenheit eines Vaters steht für eine sozial
reichhaltige Umwelt, die ja ihrerseits eher »sichere« Bindungserfahrungen
ermöglicht.
330 Deshalb
greifen auch Ansätze wie »Re-Bonding«-Therapien oder »Re-Birthing« zu kurz, bei
denen Mutter und Kind die Geburt sozusagen nachspielen, etwa um Schreibabys zu
helfen, eine »blockierte Bindungserfahrung« wieder aufleben zu lassen.
341 ► Sroufe 2005 und Grossmann 2005
342 ► Grossmann 2006a, Seite 18
343 ► Thompson 2005, Lamb 1985, Lewis
2000,Frosch 2000, Lewis 2000 und Moss 2004
349 ► Grossmann 2006a, Seite 14
350 ► Grossmann 2006a, Seite 14
352 Manche
Kinderärzte nehmen an, dass nicht nur Vernachlässigung, sondern auch bestimmte
Verhaltensprobleme bei Säuglingen und Kleinkindern Ausdruck einer gestörten
Bindung sein können – vom exzessiven Schreien bis zu Essstörungen oder
mangelndem Gedeihen. In vielen Fällen kann dahinter tatsächlich eine gestörte
Bindung ausgemacht werden. Allerdings: Bindungsstörungen können in solchen
Fällen auch die Folge der Probleme mit dem
Kind sein – vor einer vorschnellen Zuordnung als »Bindungsproblem« muss man
sich also hüten.
355 Noch
heute ist die Rate der Misshandlungen bei Frühgeborenen doppelt so hoch wie bei
termingeborenen Kindern (► Frodi
1981 und Daly 1981).
364 Stellt
man in Rechnung, wie sehr Erwachsene auf den Kinder-Look »abfahren«, so
verwundert einen nicht, dass dieser auch als Schönheitsmerkmal recycelt wurde.
Tatsächlich sind nach dem Befund der Attraktivitätsforschung »kindliche«
(neotene) Gesichtszüge ein wesentlicher Bestandteil dessen, was Männern an
Frauen attraktiv erscheint: die großen Augen, das Stupsnäschen, der runde Kopf,
die langen Wimpern – das vertraute Manipulationsprogramm mit einem blauen Engel
drauf!
374 ► Jacobson 1979 und Bjorklund 1987
376 ► Hart 2007 und Pelaez 2007
384 ► NICHD 2000, NICHD 2002, Campbell
2001, Andersson 1992, Andersson 2003, Ahnert 2004 und Scarr 1997
385 Tatsächlich
zeigen Untersuchungen, dass die Beziehung zu den Eltern durch die
Fremdbetreuung nicht leidet, solange die Eltern zuhause weiterhin empfindsam
mit dem Kind umgehen und es ihnen gelingt, eine ausgeglichene Balance zwischen
Fremdbetreuung und Betreuung in der Familie zu finden (► Ahnert
2003, NICHD 1997, NICHD 1999). Stressvolle Lebensumstände zuhause und lange
Betreuungszeiten in der Krippe dagegen können zu Beziehungsproblemen führen (► DeMulder 2000 und NICHD 2003).
391 Bei
den übrigen Primaten steht die Schutzfunktion dagegen ganz im Vordergrund –
erst mit etwa drei Jahren wagen sich etwa Schimpansen weiter als fünf Meter von
der Mutter weg.
397 ► Feldman 2002, Field 2001 und Phillips 1996
400 ► Schore 2002 und Cicchetti 1994
407 ► Kirkilionis 1989, Bower 1987 und
Hoaglund 1981
408 ► Christensson 1992 und Als 1977
416 ► Konner 2003, Seite 417 und S._518
419 Warum
die Angst vor dem Verwöhnen gerade Ende des 19. und Anfang des
20. Jahrhunderts so einschlug, liegt vielleicht daran, dass diese Zeit (in
der Europa durch die Nationalstaaten neu geordnet wurde) eine Zeit der Kriege
war. Abhärtung, Wehrhaftigkeit und Stärke waren da naheliegende Ideale.
422 Nach
der evolutionären Konflikttheorie, die wir in Kapitel 2& kennengelernt
haben, hängt der »Wert«, welchen Kinder für ihre Eltern darstellen
(wohlgemerkt, es geht um den »reproduktiven Wert« bzw. Fitnesswert, nicht den menschlichen Wert!) unter anderem mit
dem Alter der Mutter zusammen. Für ältere Frauen, die ja kaum mehr mit weiteren
Möglichkeiten zur Fortpflanzung rechnen können, ist ihr Nachwuchs sozusagen
»wertvoller« als für jüngere Frauen. Tatsächlich lässt sich rund um die Erde
beobachten, dass die letztgeborenen Kinder mit mehr »Einsatz« bemuttert werden.
423 ► Falbo 1986 und Polit 1987
426 ► Kagan 1998 und Pinker 2002a
428 ► Emde 1992 und Goldsmith 1997
429 ► Pinker 2002b und Saucier 1996
431 Kulturübergreifende
Untersuchungen zeigen, dass Frauen verglichen mit Männern verträglicher,
gewissenhafter, extrovertierter, aber auch emotional weniger stabil sind (► Costa 2001 und Schmitt 2008).
Insbesondere die statistisch höheren Werte auf der Gewissenhaftigkeits-Skala dürften
mit dafür verantwortlich sein, dass Frauen in den Industrieländern inzwischen
bei den Bildungsabschlüssen gegenüber den Männern deutlich vorne liegen.
432 Bei
der Ausprägung dieser Verhaltensmuster dürfte die aus Kapitel 9 bekannte
frequenzabhängige Selektion eine wichtige Rolle gespielt haben.
433 ► Suhara 2001 und Schreckensberger 2008
435 ► Beer 2000, Freese 1999, Jefferson
1998 und Michalski 2002
438 ► Falbo 1986 und Polit 1987
439 ► Schachter 1985 und Plomin 1999
445 ► Omark 1976 und Edelman 1973
446 ► Dunning 2006 und Borkenau 1993
448 ► Erkut 1998 und Verkuyten 1990
453 ► Omark 1976 und Edelman 1973
457 ► Hewlett 2005 und Marlowe 2005
460 Es
ist anzunehmen, dass diese in der Literatur beschriebene Aufteilung (► Edwards 1993) auch etwas mit den
unterschiedlichen Vorlieben von Jungen und Mädchen zu tun hat: Das
durchschnittliche Mädchen interessiert sich eher für soziales »Rollen«spiel, der
durchschnittliche Junge dagegen bevorzugt körperliche »Action«.
461 Der
Spieltrieb lässt sich bei vielen Arten jedoch keineswegs wahllos »abrufen«.
Gerade bei den jagenden Tierarten scheint das Spielen regelrecht in den
Tagesablauf »eingeplant« zu sein. Löwenjungen etwa bleiben ganz ruhig in ihrem
Versteck, solange die Mutter auf Jagd ist. Dann werden die Kleinen gesäugt, und
erst danach ist Spielzeit. Dabei kommen auch die anderen Löwenjungs aus dem
Rudel angelaufen, und die Kleinen spielen zusammen.
462 An
der Beobachtung, dass kleine Löwen ihre Spielkameraden wie Beutetiere
anspringen, noch bevor sie dieses Verhalten
jemals bei ihren Eltern beobachtet haben, lässt sich ablesen, dass ein Teil des
»Spielprogramms« bei Säugetieren genetisch verankert ist.
466 Wie
hartnäckig ineffizient das Verhalten von Kindern ist, zeigen auch Experimente
von Völkerkundlern, in denen die Ausbeute beim Sammeln aufs Gramm genau
abgewogen wurde – für den Ertrag machte es keinen Unterschied, ob die Kinder
alleine oder mit Erwachsenen zum Sammeln losgingen (► Tucker
2005).
468 ► Harris 2002, Seite 352 und S._196
470 Diese
Annahme steht zudem im Widerspruch zur Meinung der allermeisten Eltern rund um
den Globus, für die die Vorstellung, sie müssten ihre Kinder unterhalten,
schlichtweg »absurd« ist (► Harris
2002, Seite 509). Die Ethnologen Whiting und Edwards gehen sogar davon aus,
dass das gemeinsame Spiel von Mutter und Kleinkind die soziale Isolation der
westlichen Mütter widerspiegelt – die Kinder seien sozusagen mangels
Alternative deren wichtigster Partner für den mitmenschlichen Austausch (► Harkness 2001).
471 Dies
wurde schon in den 1970er Jahren etwa von Appleton beobachtet (► Appleton 1975). Manche
Evolutionsbiologen erklären die kindliche Vorliebe für Zelte, Forts und
Baumhäuser auch damit, dass solche Plätze in der ursprünglichen,
raubtierhaltigen Umwelt die sichersten Spielorte waren (► Ruso 2003 und Legendre 1991). Das scheint
allerdings doch etwas weit hergeholt.
473 ► Hrdy 1976, Riedman 1982 und Fairbanks
1990
477 ► Robson 1980 und Bernal 1972
479 ► Dix 1986, Fleming 1987 und Corter
2002
481 ► Daly 1986 und Eisenberg 1989
486 ► Manning 1997 und Manas 2000
489 Diese
Überzeugung ist nicht neueren Datums. Das Buch der
Mütter aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert (► Kübler 1891) fasst es so: »Werfen wir einen
Rückblick auf alle die Anforderungen, welche das Gedeihen des Säuglings an die
Stillende stellt, so werden wir uns sagen müssen, dass allein die sich
selbstvergessende Mutterliebe im Stande ist, ihnen auch bis ins Kleinste zu
entsprechen.«
492 Im
Mittelalter dagegen war es zumindest in den erfolgreichen Schichten durchaus
verbreitet, dem Vater die »formende« Kraft auf das Kind zuzusprechen. In der
Antike sah man sogar ganz von den Eltern ab und meinte, auf die Qualität der
Ammenmilch käme es an (► Kagan
2000, Seite 132).
494 Dass
viel mehr Vogeleltern ihren Nachwuchs gemeinsam versorgen als Säugetiere liegt
auch daran: Beim Großziehen eines Vogels kann der Vater weitaus besser
mithelfen als bei den Säugetieren, wo sowohl das »Ausbrüten« als auch die
direkte Nahrungsversorgung des Nachwuchses zwangsläufig in der Hand (und dem
Bauch) der Mutter liegt.
501 Die
ursprünglich von dem Zoologen George Williams formulierte
»Großmütter-Hypothese« ist in Details umstritten (► Hawkes
2003) und auch nicht die einzige Erklärung der sozusagen »mitten im Leben«
einsetzenden weiblichen Unfruchtbarkeit (so stellt etwa Frank Marlowe der
Großmütter-Hypothese eine »Patriarch-Hypothese« entgegen). Dennoch ist sie die
bis heute plausibelste Erklärung der weiblichen Fruchtbarkeitsstrategie.
512 ► Anderson 1999 und Hewlett 1992
515 Ja,
Forscher gehen so weit, selbst die weibliche Schönheit über ihre zentrale Rolle
im kooperativen Aufziehmodell zu erklären: Warum ist beim Menschen die Frau das schöne Geschlecht und nicht, wie bei den
anderen Arten üblich, das Männchen? Eine mögliche Antwort: Genauso wie der
Säugling (vgl. Kapitel 10&) steht auch die Mutter selbst unter
»Verführungszwang« – denn im Interesse ihres Kindes muss sie die Hilfe der
anderen mobilisieren – und dabei hilft ein gewinnendes Aussehen allemal (► Renz 2006, Seite 183). Insbesondere
könnte in dieser Hypothese die Tatsache eine Erklärung finden, dass weibliche
Schönheit so großzügige Anleihen beim Kindchenschema macht – attraktive
Frauengesichter weisen in ihren Proportionen große Ähnlichkeit mit Kindergesichtern
auf, sie zapfen so möglicherweise die Behüterinstinkte ihrer Umgebung an.
516 Unter
arktischen Bedingungen basierte die Ernährung fast ausschließlich auf
Großwildjagd sowie Fischerei mit der Harpune. Dass dies »Männerberufe« waren,
hat einen doppelten Grund. Zum einen können Säuglinge nicht auf die Jagd
mitgenommen werden. Zum Zweiten: Frauen waren unter ursprünglichen Bedingungen
etwa drei Viertel ihrer fruchtbaren Zeit entweder schwanger oder sie stillten.
Es hätte wenig Sinn gemacht, sich als Frau auf extrem übungsabhängige
Tätigkeiten wie die Großwildjagd zu spezialisieren!
519 Das
gilt zumindest unter den Bedingungen der menschlichen Frühgeschichte. Im Zuge
der kulturellen Entfaltung des Menschen haben sich – natürlich – auch die
Zutaten geändert, die es für ein »erfolgreiches« Leben braucht.
522 ► Eliot 2002 und Super 1976
523 ► Das Krabbeln wird dagegen nicht
gefördert, und tatsächlich scheinen sich afrikanische und »westliche« Kinder
bei diesem Meilenstein nicht zu unterscheiden
525 ► Majnemer 2005 und Majnemer 2006
530 So
gibt es keinen Hinweis, dass kanadische Kinder, die mit schulischem Lernen
schon sehr früh beginnen, später besser schreiben und rechnen können als
deutsche Kinder. Und auch die Ergebnisse der PISA-Studie korrelieren nicht mit
dem frühen Beginn schulischen Lernens.
531 ► Bialystok 2000 und Hakuta 1987
532 ► Oller 2002 und Pearson 1994
540 Weil
sich der Einfluss der Eltern oft nur in vielfältiger Brechung wahrnehmen lässt,
wird immer einmal wieder vermutet, das beste, was Eltern tun könnten, sei, ihre
Kinder gar nicht zu erziehen. Liest man die
vorangegangenen Abschnitte, so entlarvt sich die Vorstellung von der Nicht-Erziehung
als Fantasie: Erziehung passiert, egal ob
wir das wollen oder nicht. Sie ist Teil jeder Begegnung zwischen Menschen und
natürlich in ganz besonderem Maße Teil der Begegungen in der Familie. Kein
Wunder also, wenn die frühen Völkerkundler erstaunt vermelden: »Obwohl also die
Bambuti-Kinder anscheinend ohne methodische Erziehung heranwachsen, sind sie
alles andere als ungezogen (► Schebesta
1948). Derselben Meinung ist E. Mjöbergs, die über die Dajak auf der Insel
Borneo schreibt: »Die Kinder wiederum wissen trotz des Genusses unbeschränkter
Freiheit, was ihnen geziemt« (► Egli
2004).
547 ► Milgram 1963 und Burger 2009
551 ► McElwain 2004, Meins 2002 und Symons
2000
552 ► Lewis 1996 und Perner 1994
554 ► Cicchetti 2003, Cutting 1999 und
Pears 2005
562 Auch
Computersimulationen, in denen die evolutionären Bedingungen menschlicher
Gruppen »nachgespielt« werden, zeigen, dass Individuen mit hoher
Kooperationsbereitschaft gegenüber denen mit niedriger Kooperationsbereitschaft
im Vorteil sind (► McNamara
2008).
564 Bei
der Frage, ab wann bestimmte Verhaltensweisen oder emotionale Reaktionen nicht
mehr adaptiv, also überlebensfördernd sind, sprechen die Umweltbedingungen ein entscheidendes
Wörtchen mit – wir gehen darauf in Kapitel 13 ein.
568 ► DeLoache 2000, Seite 203
571 Andere
Traditionen sind sogar auf schnellem Weg tödlich: Falls bei einem Baby bei den
Bavenda Bantu die Oberkieferzähne vor den Unterkieferzähnen durchbrechen, wurde
der Säugling getötet – andernfalls, so der tradierte Glaube, würde jeder, der
von dem Kind gebissen würde, sterben (► Krebs
2001).
572 Nachträgliche
Vergleiche aber sind nur wenig aussagekräftig. So verglich die Psychologin
Diana Baumrind in den 1960er Jahren drei Erziehungsstile (autoritäre,
permissive und »autoritative« Erziehung – also grob gesagt »zu hart«, »zu
weich« und »gerade richtig«) (► Baumrind
1967). Tatsächlich zeigten sich zwar bescheidene, aber doch klare Unterschiede
bei den Kindern: Die Kinder der »gerade richtig« erziehenden Eltern kamen meist
besser mit anderen Kindern und Erwachsenen aus, sie bekamen bessere Noten in
der Schule und sie gerieten als Teenager seltener in Schwierigkeiten. Das
heißt: Kinder kompetent erziehender Eltern sind kompetenter. Aber sagt das
wirklich etwas über die Auswirkungen des Erziehungsstils aus? So neigen Eltern,
die selbst Probleme haben, womöglich eher zu einem problematischen
Erziehungsstil, gleichzeitig sind in diesen Familien aber die Kinder schon von
vornherein mit mehr Problemen belastet – wenn sie später mehr Probleme haben,
muss das nicht unbedingt am Erziehungsstil liegen. Bei anderen Eltern könnte
der Erziehungsstil auch eine Reaktion auf ein »schwieriges« Kind sein und damit
einen Sekundäreffekt darstellen. »Nicht gutes Erziehungsverhalten erzeugt gute
Kinder, sondern gute Kinder erzeugen gutes Erziehungsverhalten«, bringt Judith
Harris diesen Einwand auf den Punkt. Auch Vergleiche zwischen verschiedenen
Bevölkerungsgruppen lassen Skepsis aufkommen: So erziehen die US-Amerikaner in
der weißen Mittelklasse ihre Kinder – nach Baumrinds Klassifikation – »gerade
richtig«, und die nach diesem kulturell favorisierten Modell erzogenen Kinder
schneiden auch tatsächlich besser ab als etwa die autoritär erzogenen Kinder
(Letztere gehören mit größerer Wahrscheinlichkeit zu den Problemkindern). Bei
anderen ethnischen Gruppen in den USA allerdings werden andere Zusammenhänge
beobachtet. Hier ist oft der autoritäre Erziehungsstil der kulturell
favorisierte Weg. Tatsächlich sind unter den autoritär erzogenen Asiaten und
Schwarzen in Amerika nicht mehr Problemkinder als bei den »gerade richtig«
erzogenen (► Harris 2002, Seite
86).
575 Ein
weiteres Merkmal der menschlichen Entwicklung stellt dagegen keinen Sonderweg
dar: seine langsame Reifung. Das Menschenjunge braucht ja fast zwei Jahrzehnte,
um erwachsen zu sein. Die erst spät einsetzende Fruchtbarkeit scheint
tatsächlich ein universelles Phänomen langlebiger Arten zu sein (► Alvarez 2000). Langlebige Arten, so
die Erklärung der Biologen, können es gut verschmerzen, wenn sie ein paar
Erwachsenenjahre »opfern« und sich dafür intensiver auf ihr Erwachsenenleben
vorbereiten. Es lohnt sich für diese Arten sozusagen, »vorweg zu investieren« –
sei es in Wachstum (man denke an den Elefanten) oder Kraft (man denke an den
Löwen) oder eben in das Erlernen besonderer Fertigkeiten (wie beim Menschen).
579 Ein
solches »aufgeteiltes« Wachstum spart gegenüber einem gleichmäßigen Wachstum
immerhin sechs Prozent an Energie ein (► Gurven
2006a).
580 Das
hängt allerdings sehr stark von den Lebensbedingungen ab. In »harten« Umwelten,
in denen komplizierte oder Kraft erfordernde Tätigkeiten dominieren (wie bei
den Kung in der Kalahari), können Kinder weitaus weniger zum Lebensunterhalt
beitragen als etwa in herdenhaltenden Gesellschaften oder in Sammlergemeinschaften,
die in einem günstigen, raubtierfreien Terrain leben (► Gurven
2005 und Gurven 2006b).
581 ► Colarusso CA, in: Stein 2001
585 ►
Bakker 2000 und Bakker 2002 und Barone 2009
In einer anderen Studie zeigen sich negative Auswirkungen sogar schon bei einem Zuwarten über 24 Monate hinaus. Allerdings ist die Aussage wegen der Methodik fraglich (► Joinson 2009)
586
► Huh 2011
587
► Wright 2011
588
► Paul 2011
Eine weitere aktuelle Studie zu diesem Thema:
Townsend E, Pitchford NJ.: Baby knows best? The impact of weaning style on food preferences and body mass index in early childhood in a case-controlled sample. BMJ Open. 2012 Feb 6;2(1):e000298. Print 2012.